REPORTAGEN
Ein winziges Nebenuniversum
Zinoba [ Dezember 2003 ]
Zinobas Marc Schmedtje

Eine halogenbeleuchtete Treppe führt hinunter in Raum 01. Das "Raum 01" stand schon an dieser Tür, lange bevor die einstige Damenumkleide einer Hamburger Post zum Musikstudio wurde. Das Innere beherbergt ein winziges Nebenuniversum, geschwängert mit dem schweren Duft längst abgebrannter Räucherstäbchen, leichtsinniger Melancholie und den Melodien werdender Lieder. Den Kopf leicht zum Boden geneigt, konzentriert und gefangen in der eigenen Musik, kniet Jan Plewka auf einem Stoff-Klappstuhl und reibt seinen neuen Vollbart. Zum elften Mal fährt das Band ab, immer die gleiche Stelle. Mit einem ruckartigen Geräusch stoppt es erneut. Die Gitarren klingen rau, das Schlagzeug dynamisch, ein Anflug von Rock and Roll - ein Kosmos von neuen Klängen und Aufbruchstimmung überstrahlt das grelle Licht auf dem Flur. Die Produzenten Manfred Faust und Dinesh Ketelsen sitzen am Mischpult und planen Zweitstimmen. Schweigen, Nachdenken, Hören. Der etwas heisere Plewka bewegt sich schleppend in der Gesangskabine, die gleichzeitig eine Küchennische ist. Ein wenig angeschlagen von der letzten Nacht, die er sich um die Ohren geschlagen hat, kramt er in der Spüle nach den Texten. Die Zeit vergeht richtungslos. Doch als die Musik abfährt ist Plewka hellwach. Bei jedem neuen Gesangsanlauf versinkt er in den Liedern, scheint allein in ihnen zu sein. Er singt: "Ich war, ich bin Dir verfallen, immerhin - ständig, stetig, immerzu von Dir benommen." Seine heisere Stimme passt perfekt zum Song. Die Gesangsstimme klingt noch rauer als ohnehin und lässt den Hörer jedes Wort glauben. Bis hinzu Produzent Fausts Ansage: "Wir haben´s!", macht Plewka alles sehr unkapriziös mit. Stets ist er straight, authentisch und auf den Punkt.

Zinoba: Stefan Eggert Wir sind zu Gast bei den Aufnahmen des Debutalbums der Band Zinoba. Gitarrist Marco Schmedtje und Schlagzeuger Stefan (Stoppel) Eggert beraten weitere Schritte. Auch sie sind mehr als unrasiert. Schmedtje redet über Moll, Dur, Terzen und hat eine Idee für mehr Dynamik. Stoppel kann offensichtlich mit der Fachterminologie etwas anfangen, ebenfalls die Produzenten. Sie einigen sich auf mehr Wärme in dem Lied. Im Grunde sind sie hochzufrieden mit dem bisherigen Stand. Im Studio darf nicht geraucht werden. Zigarettenpause im Flur: "Wir haben alles live eingespielt", bemerkt Stoppel. Er wirkt sehr ruhig und besonnen. "Genau, einfach auf Drei - und los", wird er von Schmedtje energisch ergänzt, "dabei haben wir darauf geachtet, dass jeder Song in seinen Grundelementen funktioniert." Nach einem dreiviertel Jahr Arbeit an diesem Album sind sie noch immer begeistert und begeisternd. Der Song mit dem vorläufigen Titel "Sex ∓ Drugs" ist als B-Seite für die Maxi gedacht. Dennoch ist jeder davon überzeugt, dass es auch eine Single sein könnte. "Das weiss man nie so genau", bemerkt der leise Stoppel, "jedes Lied kann auch eine Single werden, und so soll es sein."

Die Arbeit an diesem Album ist für die Band etwas ganz Besonderes. Beim Jammen haben alle zusammen die Lieder erfunden und genau wie im Proberaum aufgenommen. So konnte, ihrer Ansicht nach, in der Musik die grösstmögliche Intensität entstehen. In dieser Band hat jeder eine lange und eigene musikalische Geschichte und weiss, dass künstlerische Freiheit ein kostbares Gut ist. Für Zinoba vielleicht sogar das kostbarste. Auch, oder auch besonders, trägt das Label Four Music dazu bei. "Das ist die beste Plattenfirma, die man erwischen kann", freut sich Schmedtje, "die haben eine eigene Philosophie, denken langfristig und investieren in uns. Wir konnten machen was wir wollten." Nur eine Vorgabe gab es von Zinoba selbst: tanzbar, rhythmisch und groovy sollte die Musik werden. Und was vor fast einem Jahr so beschlossen wurde, ist heute umgesetztes Ergebnis.

Zinoba - Marco Schmedtje Im Studio steht ein riesiges Mischpult aus den Siebziger Jahren. Aufgenommen wird mit altertümlichen Kult-Mikrophonen, die den ureigenen dynamischen Sound von Zinoba unterstreichen. "Es ist nicht überproduziert und die Ecken und Kanten wurden nicht weggeschliffen. Jeder von uns erkennt sich selbst hier wieder", erklärt Schmedtje mit obercooler Attitüde und atmet den Rauch einer weiteren Zigarette aus. Plewka bestätigt strahlend, "der Flow war da und der reisst auch noch nicht ab, so etwas wie das hier, das wollte ich schon immer mal machen." Selbst mit einem Kater ist er ganz der charismatische Sympathieträger, der den Anschein macht, jeden mitreissen zu können. Aber keiner von Zinoba ist einfach nur Musiker. Es sind Leib-und-Seele Tonkünstler aus Berufung. Ebenso die Gastmusiker auf der Platte, die auch die Tour begleiten. "Das sind echte Musiker, alte Hasen, mit denen zu spielen macht einfach Freude", meint Plewka respektvoll.

Zwischen den vielen Gitarren, einem Schlagzeug und diversesten Instrumenten, die den Raum fast bis in die letzte Ecke ausfüllen, sind die Musiker schon fast zuhause. Zu der häuslichen Atmosphäre hat die Band selbst beigetragen. Passend zum Mischpult ergänzte Plewka die Studioausstattung mit ausrangierten Playboy-Heften aus den Seventies, die nun stapelweise herumliegen. Die etwas schmuddelig anmutenden Pin-Ups aus besagten Magazinen hängen überall im Studio, neben Songtexten und Momentaufnahmen auf Sofortbildern. Plewka, der sich auch mit für die Atmosphäre verantwortlich fühlt, brachte noch diverses anderes Inventar aus seinem Privatbestand mit. Aber auch die Band, mit ihren vollen Bärten, sieht wie aus dieser Zeit rübergebeamt aus. Diese haben sie sich eigens für das erste Video stehen lassen, eine Anweisung von Videoclip Guru René Eller (u.a. für Grönemeyer, Del Amitri), die nicht missachtet werden darf. Gerüchten zufolge hat der Meisterregisseur schon mal ein Madonna Video abgelehnt und macht nur noch Clips von Musikern, die er wirklich mag.

Zinoba: Jan Plewka Für den Spirit des Albums singen die Liebsten von Zinoba den Chor im Lied "Verschleppt ins All". Spirit ist überhaupt sehr wichtig. Ketelsen ist so etwas wie ein Einmann-Räucherstäbchen-Kommando, der immer auf Energie, Dynamik und Kraft in seinem Studio achtet. Inzwischen hat sich ein scheinbar unentbehrliches Ritual entwickelt, bei dem zu jedem Missklang der Weihrauch-Notstand ausgerufen wird. "Dr. Ketelsen, schnell!" ruft die Bande, und Ketelsen eilt zum Ausräuchern. Neben dem Running-Gag glauben aber trotzdem alle Beteiligten an die Wirkung. "Der Sänger an sich ist ein spiritueller Mensch", erklärt Plewka.

Besonders für die Texte ist diese Spiritualität wichtig. Plewka holt sie aus seinem kreativen Kosmos. "Die Texte sind vom Herz in die Hand geschrieben", meint Plewka Sie bilden die Brücke zur Musik, sind prägnant, lyrisch, sinnig und nachdenklich. Direkte Texte über präzise Beobachtungen und Eindrücke finden ebenso ihren Platz wie eigene Erfahrungen. Seine Existenz scheint aus einer Ambivalenz aus Weltschmerz und der Liebe in ihm geprägt zu sein. Die Worte entstehen aus Handbüchern, die der freimütige Künstler fortwährend führt. Diese sind gefüllt mit Satzgebilden, eigentlich ähnlich dem Prinzip von Tagebüchern. Aus den Fragmenten eines halben Buches entsteht dann der Text für ein einziges Lied. Vielleicht erklärt dies das Abstrakte und Tiefgründige seiner Lieder. Illustrativ für diese Zweidimensionalität sind Zeilen aus dem Lied "Schein, Schien":

Leuchte mir von Fern, mein ausrangierter Stern
Wieviel Freiheit hat´s gekostet frei zu sein
Komm und schein, schein, schein
...
Wovon sollen wir leben, wenn Liebe sprachlos wird.

Beim Musizieren fliegen Plewka die einst gesammelten Eindrücke und niedergeschriebenen Worte wieder zu: "Am liebsten würde ich am Ende eines Tages die Eindrücke aus meinem Herzen schneiden und sie in Lieder giessen. Ich glaube, das ist meine Bestimmung." Die Aufnahmen sind für den heutigen Tag beendet. "Jan ist fähig, diese Lyrics zwischen Tür und Angel hervorzuholen," erzählt. Ketelsen nickt: "Das ist unglaublich, einmal hatten wir nur die Drums aufgenommen. Nur Augenblicke später hatte Jan die Melodie und auch schon den Text dazu erfunden. So wurde es dann aufgenommen." Der Rohmix des fertigen Songs spielt im Hintergrund. "Vielen Dank, meine Herren," hält Faust sein Bier in die Höhe. Gitarrensalven krachen mit dem Anstoss der Flaschen in den Raum 01 durch das Nebenuniversum ins nächtliche Hamburg.

Zinoba
Zinoba:
Marco Schmedtje, Jan "Lenny" Plewka, Stefan "Stoppel" Eggert


Text: Deniz Ünlü

Bilder: Jan Plewka (Bandfoto: Renè Eller)

Mehr zu Zinoba unter www.fourmusic.com

Dummy Das Album "Zinoba" gibt es ab März 2004 nicht nur im Internet oder in den einschlägigen Medienmärkten, sondern auch beim Plattenhändler eures Vertrauens.

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