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Wir sitzen auf einem alten Sofa im Backstagebereich des Leipziger Clubs Conne Island. Es ist ein grosser Raum mit sechs Kickern. Die Wände sind, wie das gesamte Haus und alles was sich mit
Spraydosen besprühen lässt, voll Graffiti. Im Nebenraum schmiert sich Michael McKeegan, Bassist und Gründungsmitglied von Therapy?, sein Frühstück. Es ist 16 Uhr. Die Band
hat gerade die Kojen ihres roten Tourbus verlassen und strommert von Catering nach irgendwo und wieder zurück. Cairns trinkt einen Kaffee und sieht noch etwas benommen durch seine schwarze
Hornbrille. Er trägt eine schwarze Strickjacke mit Flammenmotiv, die geradezu perfekt für den gediegenen Rockstar ist, und beantwortet meine Fragen sehr eloquent. Das letzte Mal hatten wir
uns am 24. Mai 1995 gesehen. Es war im Münchener Park Hilton Hotel, anlässlich eines Promotiontages für das "Troublegum" Nachfolgealbum "Infernal Love". Ich hatte gerade Fyfe Ewing und
Michael McKeegan, die beiden anderen des damaligen Trios, interviewt, als Cairns in absoluter Hochlaune das Zimmer betrat, einen Stuhl erklomm und spontan ein Lied accapella zum Besten gab. Therapy?
waren damals auf dem Sprung von der erfolgreichen Band zur richtig grossen Band. "Infernal Love" erhielt auf der ganzen Welt beste Kritiken und es sah ganz so aus, als ob es klappen sollte. Cairns
lacht heiser: "Ja, das dachte die Plattenfirma."
Aber nicht nur sie. Es lag in der Luft. Diese erfrischenden, absolut bodenständigen Typen, die sich da offensichtlich den Spass ihres Lebens machten, wollte man da oben mitmischen sehen.
Cairns nickt: "Es ist jetzt einfacher zurückzuschauen. Zu der Zeit waren wir zu sehr drin in diesem Geschehen. Wir waren ein Jahr mit "Troublegum" auf Tour gewesen. Dann hatten wir zwei Wochen
frei und nahmen sofort "Infernal Love" auf. Das ging alles sehr schnell. Und an diesem Punkt, weil sich "Troublegum" dermassen gut verkauft hatte, kamen plötzlich nicht mehr die jüngeren
Mitarbeiter von Polygram mit uns auf Pressereisen, die die Replacements, Clash oder Metallica mochten, sondern irgendjemand Älteres, der sich sonst um Janet Jackson, Sting und Chris de Burgh
kümmerte (Cairns richtet sich auf, blickt wichtig und spricht mit erhobenem Zeigefinger): 'Das übernehme ich, das wird jetzt gross!' Aber diese Leute verstanden gar nicht wirklich was wir
da machten. Ich erinnere mich an ein Meeting mit den Direktoren von A&M in London, das im Vorfeld der Veröffentlichung von Infernal Love" einberufen wurde. Da sass ich nun und hörte,
dass Therapy? als eine Mischung aus Depeche Mode und einer europäischen Version von Metallica gesehen wurde: 'Es ist dunkel, es ist heavy und Anton Corbjin wird die Fotos machen.' Das war das
erste Mal, dass wir dachten, die Sache gerät uns aus den Händen."

Aus einer Kleinstadt in der Nähe von Dublin stammend, wo "man heiratet, einen Job und Kinder kriegt", landete Cairns Mitte der Achtziger in einem langweiligen Fabrikjob. Nebenbei illustrierte er
Kinderbücher, erfand das lebendige Verkehrsschild Ashley, das noch heute Maskottchen der Band ist, und spielte Posaune in einem kleinen Orchester, das an Weihnachten von Haus zu Haus zog und
"Stille Nacht" zum Besten gab. Irgendwann lernte er McKeegan und Ewing kennen, die gerade die Schule abgeschlossen hatten und gründete mit ihnen Therapy?. Eine Band von vielen, die von Kumpels
zu Auftritten gefahren wird, der die T-Shirts verkauft. "Und plötzlich ist man andauernd mit seiner kleinen Crew der Majorfirma unterwegs. Die Alben "Nurse" und "Troublegum" wurden sehr
preisgünstig eingespielt, doch bei "Infernal Love" spielten wir mit den grossen Jungs. Wir nahmen vier Wochen lang in Peter Gabriels Real World Studio auf, Anton Corbjin wurde für die Fotos
engagiert..." schüttelt Cairns mit dem Kopf: "Corbjin war zwar unsere Wahl, aber dieser Vorschlag war eher als Scherz gedacht. Wir hätten uns nie getraut das zu fragen. Er hatte Nirvana
fotografiert, U2 und deren Videos gedreht. Dann schlagen wir das vor und am nächsten Morgen kriegen wir diesen Anruf, dass das mit Corbjin klar ginge." Cairns verdreht die Augen: "Das ist doch
ein Witz!"
Zurück nach LA. Die amerikanische Plattenfirma setzte 1994 alles daran, Therapy? auch in den USA gross rauszubringen. Selbst mit den kurzen Haaren schien noch nicht alles verloren. Eine erste
Tour absolvieren sie mit Helmet, eine weitere mit Trippin´ Daisy, auf dem nächsten Amerika-Ausflug sind die Gefühle der drei Iren jedoch etwas gespalten. "K Rock, der dortige grosse
Radiosender, feierte ein Jubilaeum in einem Shopping Center", erinnert sich Cairns. "Wir waren eingeladen zu spielen. Also fragten wir, wer mit uns zusammen auftreten würde. Jesus Lizard, ok,
Urge Overkill, gut, Cranberries, nicht gut, Carter The Unstoppable Sex Machine, nette Jungs, nicht unbedingt unsere Musik, und Duran Duran als Headliner." Cairns ist offensichtlich kein Fan der
Achtziger Megastars: "Da war dann so eine kleine Bühne vor einem der Läden. Väter, Mütter und ihre Kinder liefen an all diesen Bands vorbei. Und ich erinnere mich, wie ich da auf
der Bühne stehe und McDonalds und Footlocker im Blick habe. Warum spielen wir hier und nicht in einem kleinen Club in der Nähe? Wir sind hier in LA und dann spielen wir in einem Shopping
Center. Aber so wie wir sind, lachten wir darüber. Wir meinten, es wäre eine gute Geschichte, die man seinen Enkeln erzählen könnte: hast Du je von einer Band namens Duran Duran
gehört? Wir spielten einst mit ihnen... in einem Shopping Center." Cairns lacht sich kaputt.
Aber auch in ihrem Heimatland wird die Situation angesichts massiver "Troublegum" Plattenverkäufe und den damit verbundenen Zukunftsaussichten angestrengter. Therapy? sind zur Chartshow "Top Of
The Pops" eingeladen. Cairns trifft leicht übernächtigt im Studio ein und begrüsst den TV-Verantwortlichen seiner Plattenfirma. Der: "Du weisst, dass Du heute abend im Fernsehen
bist!?" Cairns: "Ja, klar!" Er deutet im Raum herum. "Darum bin ich in einem Fernsehstudio..." Doch sein Gegenüber lacht nicht. "Du weisst, dass Millionen Menschen sich diese Show ansehen?"
Cairns verdreht die Augen: "Ja." Es kommt was kommen muss: "Denkst Du nicht, dass du dich rasieren solltest?" Cairns muss lachen: "Ich bin doch in einer Rock and Roll Band. Ich bin nicht Cliff
Richard!" Heute streicht er sich über seinen Kinnbart: "Solche Dinge passierten plötzlich. Wir bekamen die wahren Gesichter der Leute zu sehen. Dann kam Brit-Pop und harte Gitarrenmusik war
nicht mehr angesagt."

"Infernal Love" blieb unter den hohen Erwartungen. "Es war eine der Platten, die sich erst zum Jahresende besser verkauften," sagt Cairns, "es waren erstmal fünf oder 600.000 Stück im
Ganzen. Es wurde jedoch erwartet, dass es, auf dem Rücken von "Troublegum", im ersten Jahr eine Million verkauft. Aber das tat es nicht. Bevor "Infernal Love" veröffentlicht war,
grüssten uns alle in der Plattenfirma freundlich und gratulierten uns: Das ist ein Schritt nach vorne! Doch als die Platte dann den Vorgänger nicht übertraf, waren plötzlich alle
Türen geschlossen. Es ist dieses Musikbusiness Klischee. Wir erfuhren das jedoch zum ersten Mal am eigenen Leib. Es ist schon bizarr das Zentrum einer solchen Aufmerksamkeit zu sein." Die
Plattenfirma verlor das Interesse daran, diese Band gross herauszubringen. Das nächste Album "Semi-Detached" erreichte in der Konsequenz die Top 20 nicht. Sie landeten wieder bei einem
Indie-Label und erzielten ihre letzte Hitparadenplatzierung am 30. Oktober 1999. Eine Nummer 61 in den britischen Album Charts.
Dieser Tage sind sie mit ihrem neuen Album "High Anxiety" unterwegs. Therapy? ist heutzutage eine Band, die auf der ganzen Welt Menschen in einen Musikclub zieht. Mit Hingabe spielen sie ein Set, das
dem von 1994 sehr ähnlich ist und begeistern die Leute mit ihrem melodiösen Punk Pop Metal. Cairns ist froh wieder in einer "moderately successful band" zu spielen. Der Produzent Steve
Albini hätte einmal zu ihm gesagt: "Glaubt an das was ihr tut, bleibt euch treu und das Publikum wird zu euch kommen." Cairns grinst: "Im Nachhinein kann ich sagen, dass, wenn wir es darauf
angelegt hätten, diesen grossen Erfolg hätten erreichen können. Aber ich gebe zum Beispiel nichts auf mein Aussehen. Ich trimme meinen Bart ein wenig, zerstrubble meine Haare, ziehe
immer an worauf ich gerade Lust habe. Andere fangen irgendwann damit an auf sich acht zu geben. Man ist viel im Fernsehen und in Magazinen. Und die Leute da draussen wollen nicht, dass du so
aussiehst wie sie. Das liegt in der menschlichen Natur. Die Leute wollen im TV etwas sehen, das besser ist als sie selbst. Und so etwas irritiert mich. Sie wollen gutaussehende Politiker, denn das
sind die Vertreter des Volkes. Das Aussehen zählt achtzig Prozent. Bei Rockbands ist es dasselbe. Erinnern Sie sich an Husker Dü?. Ich spielte einem Freund, der beim NME arbeitet, eine
ihrer Platten vor, und er mochte das sofort. Dann gab ich ihm das Plattencover. Auf der Rückseite ist ein Bild der Band. Da verzog er sein Gesicht und erwähnte Husker Dü nie wieder.
Man muss sich auf diese Medien- und Unterhaltungswelt einlassen wollen. Das Leben ist meiner Meinung nach zu kurz für persönliche Berater, um sich die Zähne zu bleichen oder sich ein
Welteroberungsalbum auszudenken. Ich mache die Musik, die mir gefällt, ich lebe ein Leben, wie es mir gefällt. Ich bin sehr glücklich!"
 Therapy? heute: Michael McKeegan, Andy Cairns, Neil Cooper, Martin McCarrick

Text: Christian Biadacz
Bilder: Thomas Kretzschmar
Mehr zu Therapy? unter www.therapyquestionmark.co.uk
     
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