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Anne Clark, aufgestiegen aus den Londoner Postpunk-Szene der späten 70er Jahre, ist eine jener Künstlerinnen, deren Name zu den Klassikern ihres Genres zählt. Wenn es so etwas gibt wie
eine Ewigenliste der dunklen Töne, dann steht sie dort eingraviert, und das zweifach. Neben Songs wie dem morbiden "Love will tear us apart" (Joy Division), dem anarchischen "Kill your ideals"
(Phillip Boa), dem poppigen "Love cats" (The Cure) erhebt sich eine klare, traurige Frauenstimme mit folgenden Zeilen: "Through these city nightmares you´d walk with me / And we´d talk of
it with idealistic assurance / That it wouldn´t tear us apart" Dieses "Our Darkness" aus dem Jahr 1984, wird, zusammen mit dem Vorgänger "Sleeper In Metropolis" zum Meilenstein der
elektronischen, der Wave-Musik. Ein Erfolg, der nicht voraussehbar war. Eine Managerin ihrer Plattenfirma sagte Mitte der 80er einmal zu Anne Clark: "Du bist nicht kommerziell, du bist nicht
attraktiv, ich mag deine Musik nicht und kann nicht verstehen, warum du so erfolgreich bist." Wenig freundlich hatte die Musikfachfrau die Sache auf den Punkt getroffen. Es war eine fröhliche
Welt dort draussen, mit Neonfarben und bunten Miami-Vice-Sakkos. Bands konnten sich Wham! nennen und Frauen Samantha Fox, und es gab die ersten Münz-Sonnenbänke, 15 Minuten zu 5 Mark. Anne
Clark wirkt auf den Fotos jener Zeit immer ein wenig übergewichtig und übernächtigt. Sie ist blass und ungeschminkt, bis auf einen schwarzen Kajalstrich unter den Augen. Ihre Kleidung
ist dunkel und androgyn, Salz- und Pfeffer-Mantel, schwarze Herrenhemden. Das blonde Haar trägt sie kurz. Sie lächelt kaum. Sie ist das Gegenteil der Frauenfiguren, die in den Achtzigern
den Ton angeben: Nena, die Mädchenikone, und Madonna, der Vamp. Dennoch ist sie erfolgreich. Sie gehört zu der anderen Welt, die im Schatten der breiten Schulterpolster blüht und
gedeiht: New Wave, Underground-Musik. Andere Musiker ihres Schlages veröffentlichen auf alternativen Labels wie Rough Trade. Nicht so Anne Clark: Ihre Platten erscheinen, nach einer
Firmenübernahme, beim Major-Label Virgin Music.
Nach den weltweiten Erfolgen ihrer Alben "Changing Places" (1983) und "Joined Up Writing" (1984) geht Anne Clark mit ihrer Band auf ausgedehnte Tourneen, eine Zeit, an die sie sich nur noch
verschwommen erinnert: "Alles veränderte sich so schnell, dass es zugleich aufregend und erschreckend war - ein bisschen wie Fliegen." 1987, nach zwei weiteren Alben, bricht das Gefüge
auseinander. In ihrem Buch "Anne Clark: Notes taken, traces left", das im Herbst 2003 erschienen ist, gibt die Sängerin der Plattenindustrie die Schuld dafür. Sie sei um Gelder geprellt,
durch Verträge geknebelt und von ihrem Manager betrogen worden, schreibt sie. Anne Clark zieht einen Schlussstrich: "Ich ging nach Norwegen zurück, schlug von da aus meine Schlachten und
kehrte dem Schreiben und der Musik komplett den Rücken - sowohl als Künstlerin als auch als Fan. Alles war vergiftet."
Das Grossstadtkind - "ich bin in London gross geworden, mit IBM direkt vor meiner Nase" - entdeckt das Landleben. Sie beschäftigt sich mit Ökologie und Naturschutz. "Wenn man auf dem Land
ist, oder dem, was davon übrig geblieben ist, bekommt man eine neue Sicht auf die Dinge. Das hat mein ganzes Leben verändert." Die Veränderung ist tief greifend. Jahre zuvor schrieb
Anne Clark einen Song mit dem Titel "Weltschmerz" - eines der wenigen Worte, dass wegen seiner Unübersetzbarkeit in den englischen Sprachgebrauch übernommen wurde. In Norwegen, sagt die
Sängerin, hat sie ihren "Weltschmerz" verloren: "Komplett." Zurückgeblieben ist ein zurückhaltender, introvertierter Mensch.

In Mainz ist Anne Clark, 43, nachmittags eingetroffen. Sie hat ihre Garderobe bezogen, in der die Veranstalter ein paar Weihnachtskerzen aufgestellt haben, und sich dabei so wenig ausgebreitet, dass
sie mit wenigen Handgriffen alles zusammentragen und Platz für jemand anderen schaffen könnte. Ein grosser schwarzer Rollkoffer wartet im Hintergrund und eine Handtasche voller Bücher:
eine Chet-Baker-Biografie darin, der neue Roman von Donna Tartt, "Stupid White Men" von Michael Moore. Anne Clark ist eine Vielleserin. Auf den Schminktisch hat sie zwei Cremetuben eines
anthroposophischen Kosmetikherstellers gelegt, das ist der grösste Luxus im Raum. Draussen ist ein kleines Catering aufgebaut, zwei Tische voller Käseecken, Wurstscheiben und Orangensaft
nebst Plastikbechern. Insgesamt ist dieser Backstage-Bereich in etwa so aufregend wie die Schnittchenecke einer Betriebsfeier. Abends beim Auftritt wird Anne Clark die gleiche Lederjacke tragen, die
sie auch schon auf ihrer Vorjahrestour anhatte, schwarz mit weissen Ziernähten. Dieselbe Jacke ist auch auf dem Cover ihres Buches und der parallel erschienenen, neuen CD zu sehen. Noch
hängt das Bühnenrequisit über der Kante des Stuhles, auf dem Anne Clark Platz genommen hat. Im Sprechen fährt sie sich manchmal mit beiden Händen durch die Haare, was ihrer
Frisur nicht schadet, weil sie keine spezielle Frisur trägt. Nichts an ihr ist ungewöhnlich oder Aufmerksamkeit erheischend. Nur ihr Gesicht erzählt von der Schwermut ihrer Lieder, ihr
Körper, ihre Haltung ist ganz Bodenständigkeit. Ohne weiteres glaubt man ihr, dass sie schon Kühe gemolken hat.
Anne Clark verflucht auch an diesem Nachmittag in ihrer Garderobe wieder das Musikgeschäft: "Die Industrie hat für mich die Bedeutung von Musik vergiftet. Ich habe mich deshalb von 1987 bis
1991 komplett aus dem Geschäft herausgezogen." Sie kann also auch wüten, diese kleine, zurückgenommene Person, es hält nur nicht lange an. Sie fängt sich wieder ein und
erzählt davon, wie sie Jeff Aug getroffen hat, ihren heutigen Gitarristen und Manager. "Er hat mich zur Musik in ihrer reinen Form zurückgebracht, weg von dieser korrupten, schmutzigen
Sache, die sie für mich geworden ist."

Anfang der 90er entdeckt Anne Clark ihr Interesse an akustischer Musik. Zusammen mit Chris Elliot entwickelt sie eine Akustiktour, aus der das Live-Album "Psychometry", aufgenommen in der Berliner
Passionskirche, resultiert. Es gibt positive Kritiken und neuen Ärger mit der Plattenfirma: "Man erklärte mir, dass ich nicht genug Platten verkaufen würde, um die enormen Ausgaben
für Alben, ein Live-Video und so weiter einzuholen." Anne Clark verlässt ihr Label und entschliesst sich zur Abwechslung einmal, ihr Material, wie sie es nennt, in ihrem eigenen Sinne
wirtschaftlich auszuschlachten. Das Ergebnis heisst "Wordprocessing", eine Remix-CD aus dem Jahr 1997, auf der DJs wie Sven Väth "Our Darkness" und "Sleeper In Metropolis" in den Techno-Sound
der 90er übersetzen. Während sich diesmal andere den Kampf mit der Musikbranche - "ein Piranhabecken!" - in ihrem Namen austragen, vertont Anne Clark lieber Rilke-Gedichte mit Martyn Bates
und trifft schliesslich auf Jeff Aug. Der Musiker aus dem Allgäu arrangiert ihre alten Stücke für akustische Besetzung. Cello, Klavier, Gitarre, Percussions und Schlagzeug
übernehmen die Aufgaben der Synthesizer. Seit Herbst 2003 liegt auch hierüber eine CD vor: "From The Heart - Live In Bratislava" blendet alles aus, was je von Anne Clarks klaren,
insistierenden Sprechgesang ablenken konnte. Und weil ihre Musik, obwohl in allen Diskotheken hoch- und runtergespielt, niemals wirklich tanzbar war, ist "From The Heart" konsequent und gut: Es
reduziert die Songs aufs Zuhören und Verstehen. Wortpoetik in Reinform.
"Ich habe elektronische Musik mittlerweile sehr satt, sie langweilt mich", sagt die Britin, die mittlerweile aus Norwegen nach England zurückgekehrt ist und dort auf dem Land lebt. "Es gibt so
viel davon auf dem Markt, und nur wenig finde ich aufregend. Aber auch hier kann es sein, dass ich wieder Freude daran finde, wenn ich Musiker treffe, die mir die Freude daran wieder entdecken. Es
ist eine Frage der Zeit." Es gibt so viele Möglichkeiten im Leben, ein solches Überangebot. "Man muss seinen eigenen Weg hindurch finden", sagt sie noch, langsam und nachdenklich. Sie
verschleudert ihre Antworten an diesem Nachmittag nicht. Sie verschenkt sie allerhöchstens.
Für die Fans unten an der Tür hat sie keine Antworten parat. Nicht aus Unfreundlichkeit, nein. Sie wird nur einfach nichts gefragt. Vielleicht, weil ihre verschlossene Haltung erschreckt.
Vielleicht, weil diese Drei noch viel zu jung waren, als Anne Clark von "Our Darkness" sang, weil sie nur ihren Namen gleich einem Klassiker auswendig gelernt haben, und weil sie nun nichts mehr
wollen als eine Unterschrift in ihren Promi-Kladden. Anne Clark tut ihnen wortlos diesen Gefallen, drei Mal. "Ein Foto", erbittet einer. Die Sängerin nimmt ihn in den Arm und lächelt in die
Kamera. "Do you come to see the show tonight?", fragt sie zum Schluss. Verlegen schütteln alle Drei den Kopf. Sie hätten schon etwas anderes vor. Was, damit rücken sie erst heraus, als
Anne Clark längst wieder gegangen ist. Sie haben nämlich Karten für einen anderes Konzert, geben sie nach einigem Räuspern zu. Drüben, im Nachbar-Bundesland Hessen, tritt ein
Vertreter der fröhlichen Welt auf, in der Sonnenbänke und knallbunte Sakkos niemals ausser Mode waren. Daniel Küblböck heisst der Mann. Sein Bühnen-Outfit an diesem Abend ist
pink.

Text: Andrea Mertes
Bilder: Michael Kretzer
Mehr zu Anne Clark unter www.AnneClark.de und www.AnneClark.com

Das Album "From The Heart - Live in Bratislava" (netMusicZone Records / Zomba) gibt es nicht nur im Internet oder in den einschlägigen Medienmärkten, sondern auch beim Plattenhändler eures Vertrauens.
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